SHELTER

 

Wir sind im Leben immer auf der Suche - auch nach einem Zuhause, nach Heimat, einem Ort, an den wir bleiben können.

„Der entwurzelte Flüchtling und der radikale Individualist sind die Hauptfiguren unserer Epoche.(...) Der Eine verlässt seine Heimat und irrt Jahre rechtlos auf der Suche nach neuer Geborgenheit umher; der Andere berechnet seine Heimat und zäunt sie (...) ein. Die beiden gegensätzlichen Figuren unserer Epoche aber haben, so scheint es, etwas Fundamentales gemein: Beide haben ihren Geborgenheitsraum verloren. Dem realen Heimatverlust migrierender Massen steht der geistige Heimatverlust driftender Individuen gegenüber.“ (Christian Schüle)

Der Verlust von Heimat spiegelt sich auch in der zunehmend nach Funktionalität und Effizienz gestalteten Landschaft, in den wachsenden Nicht-Orten unserer Umgebung. Nach dem französischen Ethnologen Marc Augé sind Nicht-Orte sinnentleerte, transitorische Funktionsorte. Sie sind Zeichen eines kollektiven Identitätsverlustes, „Orte des Ortlosen“. „Der Raum der Nicht-Orte schafft Einsamkeit und Gleichförmigkeit“ so Augé.

Das Unbehagen angesichts solcher Unorte, das Gefühl der Heimatlosigkeit, ist zentrales Anliegen in den Arbeiten der Serie SHELTER. 

Dafür arbeite auf der Schnittstelle zwischen Plastik, Installation und Fotografie. 

Ich baue Häuser, Behausungen. Für die Fotografien gehen meine Objekte dann auf Reisen, in Industrielandschaften, Flughafenrollfelder, in die Leere des Wattenmeeres. Sie werden zu Nicht-Orten in einer realen Landschaft. 

Die plastischen Betonarbeiten werden zunächst aus Holzfundstücken gebaut, dann in Stahlbeton, dem Material der modernen Massenarchitektur, abgegossen. Die ursprüngliche Holzoberfläche bleibt in ihrer Rauhigkeit erhalten, wird durch den Abguss aber kühl und verschlossen. 

Dies shelter ist gar keines, zumindest keines, das den Betrachter willkommen heißt.

 

Wibke Rahn 

Im Februar 2016

 

 

 

HOMESTORY

zu den Arbeiten von Wibke Rahn

 

Wir sind im Leben auf der Suche. Immer noch irgendwie auf der Suche nach Nahrung. Nach Liebe, selbst wenn wir sie gefunden haben. 

Auf der Suche sind wir immer auch nach einem Zuhause, nach Heimat, nach einem Ort, wo wir Essen und Lieben können, in welcher Reihenfolge auch immer.

Das ist das Thema der Künstlerin, Wibke Rahn, aus Leipzig. Wibke Rahn stellt Orte her, oder Orte nach oder Orte vor oder was auch immer. Ich habe gelesen, dass sie ihre Arbeiten aus der Konfrontation mit den wachsenden Nicht-Orten in der Landschaft um Leipzig herum entstanden sind. Laut den französischen Ethnologen Marc Auge sind Nicht-Orte sinnentleerte, transitorische Funktionsorte im Zeichen eines kollektiven Identitätsverlustes.

Ich sehe das und wiederum auch nicht. Wibke Rahn schafft für mich etwas viel Sinnlicheres. Sie kreiert erst einmal Behausungen, mit Fundstücken und Zement, liebevoll. Es sind Rohbauten, irgendwie. Aber wenn man ein wenig gereist ist, so ist das Rohe doch sehr lebendig, in Griechenland, oder der Türkei oder in Ägypten, Tunesien. Das Rohe ist ein Projekt, was für das Leben steht, es ist nicht fertig, es braucht noch Zeit und es hat diese Zeit. Da ist halt gerade kein Geld da, weil Krieg ist oder Krise oder eben wieder beides.

Grau ist die vorherrschende Farbigkeit. Grau ist ehrlich. Es gaukelt uns nichts vor. Grau tut nicht fröhlich, zeigt kein übertriebenes Lachen. Grau ist schön, auf den zweiten Blick, farbiger als vermutet und es ist halt nicht schwarz/weiß, es ist differenziert, es ist reich.

Wibke Rahns Behausungen scheinen leer zu sein, aber wir füllen sie, mit dem was da stattfinden könnte, mit den Leben halt, mit dem sich nahrhaft Lieben, oder hungernd sich Sehnen oder dem einfachen Sein, welches nicht alle fünf Minuten danach fragt, ob ich jetzt glücklich oder unglücklich bin - wir füllen diese Behausungen und sie hören für mich auf, Nichtorte zu sein. Sie können gar keine Nichtorte sein, weil Wibke Rahn eine Bildhauerin ist, Gott sei Dank, die ihre Lebenskraft einsetzt, um die Dinge zu tun, da ist Leben drin, und das sieht man am Ende, ob man will oder nicht, und da ist Hoffnung darin.

Dann gehen diese Orte auf Reisen und es entstehen Fotografien. Landschaften mit Häusern. Weite Landschaften, die karg sind, die nichts Blühendes haben, vom Winde verweht sind. Die vielleicht von Einsamkeit künden für Leute, nicht gerne einmal allein sind, die den vollen Strand dem leeren vorziehen, für Leute die sich selbst nicht aushalten. Für alle anderen sind es Orte der Sehnsucht, des sich Besinnens, des Trostes, der Einkehr. Diese Fotografien haben eine archäologische Komponente, diese kündet nicht vom NICHTS, sondern kreiert Fragen nach dem was da war, was da ist, was da sein könnte.

Da wo das Leben abwesender scheint als anderswo ist es am Ende doch sehr präsent, vielleicht sogar deutlicher. Wibke Rahn erzeugt in ihren Arbeiten eine entrückte Stille, die Konzentration ermöglicht, die die Dinge leise sprechen lässt. Ihr Schwingen zwischen den verschiedenen Medien führt zu angereicherten Formulierungen, intelligent und sinnstiftend.

Tauchen sie ein in Wibke Rahns ambivalente Welt, die jenseits des rein Dekorativen essentielle Fragestellungen unserer Zeit bereithält.

 

Prof. Jens Gussek 

Text modifiziert nach der Eröffnungsrede zur Einzelausstellung HOMESTORY im Brühler Kunstverein Oktober/November 2015